© 2019 Erneste Junge

Erneste Junge

Erneste Junge hat bei den Wigmanschülerinnen Else Lang, Köln (61-65) und Manja Chmièl, Berlin (66-69) Tanz studiert. Weiterbildung in Contactimprovisation mit Bob Rease, Berlin (80-81) sowie Fortbildungbildung in Butohtanz mit Kazuo Ohno, Göttingen und Anzu Furokawa, Berlin. Multimediaprojekte mit Group Motion, Philadelphia, USA von (72-76). Gründung der Tanztheatergruppe AYRAN, Berlin (74-78) in Zusammenarbeit mit dem Media Center Kreuzberg. Ab 79 in Osnabrück als Tänzerin und Choreografin frei arbeitend; Leiterin mehrerer Tanztheatergruppen, DYNA-MA (80-89), STAKKATO seit 90, Soloperformances im In- und Ausland, u.a. Gus und USA.

„Im Zentrum meiner Arbeit – Ausdruckstanz und Performance – steht der Körper mit seiner tänzerisch-sinnlichen Präsenz als Bedeutungsträger subjektiver und gesellschaftlicher Erfahrungen. Die Ästhetik der Tanzsprache und stilisierte Alltagsbewegungen greifen ineinander, sodaß zwischen Wiedererkennbarem, Vertrauten und Fremdem, Geheimnisvollem ein Spannungsgefüge entsteht.

In den Figurationen aus plastisch-suggestiven Körperbildern und dynamischen Bewegungsabläufen wird in der Überzeichnung des Alltäglichen und der Reflexion menschlicher Befindlichkeiten einerseits ein von Subjektivität durchdrungener Tanz, andererseits Tanz als Spiegel von Realität sichtbar. Die Atmosphäre und/oder Geschichte eines Ortes oder Raumes, sowie Material und Fundstücke fordern mich heraus, ein multimediales Environment zu schaffen, in dem Ungewohntes erlebbar wird, Sichtweisen verrückt werden. Ich arbeite in multimedialen Zusammenhängen mit Musikern, (u.a. mit dem Komponisten und Cellisten Willem Schulz, Melle, dem Schlagzeuger und Keyboarder Franko Frankenberg, Osnabrück), mit Bildenden Künstlern (u.a. Roswitha und Dieter Pentzek, Melle, ) und Fotografen (u.a. Maria Otte) in außergewöhnlichen Innen- und Außenräumen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in Performances speziell für Vernissagen und Ausstellungen.“

Ich biete freiberuflich und in öffentlichen Institutionen seit Ende der 60iger Jahre regelmäßig Kurse und Workshops in Ausdruckstanz/Tanztheater an, (u.a. Freie Universität Berlin, Technische Universität Berlin, VHS Berlin Neukölln, LOFTKreuzberg, Universität Hildesheim,  VHS Osnabrück,  Kreativhaus Münster, TUT Hannover) und seit den 90iger Jahren zusätzlich Tanztherapieworkshops,  Einzelarbeit und  Kurse in Integrativer Tanztherapie (FPI  Hückeswagen, BRD), (u.a.  von 2002 -2015 an der Krebsberatungsstelle Osnabrück)

Pädagogische Arbeit  mit Ausdruckstanz

Im gestalterischen Prozess wie im Lernen und Lehren ist der Ausdruckstanz die Erfahrung des Zusammenwirkens physischer und psychischer Bewegtheit. Im Tanzen kommt jede Erstarrung zum Fluss, Festhalten wird Loslassen, Anspannung löst sich in Entspannung auf. Im Kontakt zu sich selbst  aus  physischen und emotionalen Quellen heraus,  aus Stimmungen und inneren Bildern entsteht schöpferischer Selbstausdruck.

Es gibt eine Menge junger und älterer Menschen, die spüren, dass durch  das Medium Tanz zum einen ihr kreatives Potential und Bedürfnis nach körperlichem Ausdruck gesättigt wird, zum anderen aber  auch in einer von Stress und Schnelllebigkeit geprägten Gesellschaft eine Vergewisserung des  eigenen Körpers eine Notwendigkeit ist. Sie spüren,  dass der eigene Körper das Fundament der Identität und Selbstbestimmung ist. In meiner pädagogischen Arbeit mit  Ausdruckstanz ist mein Ziel, dieses bewusst werden zu lassen.  Während vieler Praxisjahre habe ich  die Erfahrung gemacht,  dass mit einer feinsinnigen strukturellen, die Achtsamkeit und Bewusstheit fördernden  tänzerischen Körperarbeit  das Selbstvertrauen  und Gespür für den eigenen Körper wächst.  Der Körper öffnet  dann seine Kanäle und Archive, aus denen Gefühle, Stimmungen, innere Bilder sich in Bewegung, Ausdruck, Tanz transformieren.  Mit Tanz als Sprache des Körpers  eröffnen sich neue Erfahrens- und Spielräume aus  gewohnten, festgefahrenem  Bewegungsmustern und Verhaltensmustern heraus, auch im Kontakt zu den Mittanzenden. Mann, Frau nimmt sich lebendiger und präsenter wahr, es entsteht  Authentizität und eine große Qualität von innerer Freiheit und Weite. Diese schöpferische Freiheit sowohl im Moment  bewusst zu erleben wie auch im Alltag diese Kraft zu nutzen, ist Intention der Arbeit. Unterschiedliche Musiken, kurze Texte zur Inspiration, kleine Requisiten  unterstützen den Prozess im Tanz. 

Pädagogische Arbeit mit Tanztheater

Das Tanztheater hat seine Wurzeln im Ausdruckstanz, der am Anfang des 20igsten Jahrhunderts in Deutschland aus dem Geist einer körperbetonten Bewegungskultur und Lebensreformbewegung entstand, basierend auf dem Kunstideal der Verschmelzung von Natur und Kunst, Innen und Außen, Durchdringung von Inhalt und Form. Ausdruckstanz als Genre am Anfang des 20igsten Jahrhunderts lässt sich nur in der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Strömungen definieren, doch insgesamt als Provokation gegen Traditionen, Regeln, Konventionen, u.a. des romantisierenden Balletts. Das Tanztheater, das in den 70igern in der BRD entstand, beleuchtet und spiegelt in seiner kritischen Beredsamkeit des Körpers den Zeitgeist. Menschliches Verhalten in seiner Komplexität, Emotionen und Illusionen sind  das Material,  wo Alltägliches unalltäglich sichtbar wird.

Die Intention in meinen Tanztheaterworkshops ist, individuelle Themen, Gefühle und Befindlichkeiten, in der Korrelation von körpersprachlichem Ausdruck und gesellschaftlicher Norm, den Körper als Spiegel gesellschaftlicher Wirklichkeit  zu thematisieren und in einen schöpferischen, tänzerischen Prozess einzubringen. In Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit werden .Themen aus dem persönlichen und alltäglichen Leben  mit dem Medium des Modern Dance, des New Dance, der Contactimprovisation collagenhaft entwickelt.

 Integrative Tanztherapie

Die Integrative Tanztherapie  greift auf eines der ältesten therapeutischen und künstlerischen Medien zurück, den Tanz. Die Tanztherapie hat mit Tanz als gestaltendes Medium Tools zur Verfügung, die Kennzeichen für lebendiges Sein sind. Durch die Geschichte der Menschheit hindurch sind durch die Kraft expressiver Bewegung Ängste und Freuden, Liebe und Leid zum Ausdruck gekommen,  in Heilungsritualen und -tänzen. Wo der Mensch durch sein „Krank-Sein“ aus der sozialen Gemeinschaft heraus zu fallen drohte, war der Tanz Medium sich  zu äußern, sich mitzuteilen, miteinander zu teilen und so eine begreifbare und erfahrbare Möglichkeit zur Bewältigung und Heilung von Leiden. Aus den ‚Archiven’ des Körpers heraus belastendes Material hochzuspülen,  zu entschlüsseln, es in den Körperausdruck  zu bringen,  um aus der Ohnmacht und Passivität des Erleidens heraus zu kommen. Der Tanz als Ausdruck des individuellen Menschen, seiner Gefühle, Wünsche, Hoffnungen und Bedürfnisse steht im Mittelpunkt der kreativen Vorgehensweise von Tanztherapie.

  Das „Gewordensein“ eines Menschen (in seinem biografisch, gesellschaftlichen Kontext) ist in seinem Körper, seinen Muskeln, seinem vegetativen Nervensystem, in allen Körperstrukturen, in jeder Zelle gespeichert, eingeschrieben. Somit nutzt die Integrative Tanztherapie die Erinnerungsfähigkeit  des Körpers „eingefleischte“ Lebenserfahrungen, Gefühle, Traumata wiederzubeleben, zu bearbeiten und zu integrieren. Sie nutzt die Kraft expressiver Bewegung sowie Bewusstheit und Achtsamkeit für die Botschaften des Körpers. Hieraus entwickelt sich ein Gespür für die körperliche Basis des Lebens. Im sich selbst spüren, Gefühle und Bedürfnisse wahr zu nehmen,  können Sinnzusammenhänge im Lebensganzen wieder gefunden und geschaffen werden.    

Integrative Tanztherapie zielt nicht ausschließlich auf die Behandlung von Krankheiten und Störungen ab, sondern ist auch als präventive Maßnahme ganzheitlicher differentieller Behandlung und Gesundheitsförderung von Bedeutung.  Sie nimmt den Menschen wahr auf dem Hintergrund seiner persönlichen Biografie und seinem sozialen und ökologischen Umfeld. Grundannahme für die  tanztherapeutische Arbeit ist, dass der Mensch seine Potentiale entwickeln möchte, um den eigenen Lebensraum aktiv gestalten zu können.  

In zunehmend mediengesteuerter  und leistungsorientierter  Gesellschaft nimmt   Selbstentfremdung und Suche  nach Identität und Selbstbestimmung zu. Die Medien vermitteln Bilder, die den menschlichen Körper instrumentalisieren. Die Prozesshaftigkeit von Leib und Leben, Jugend und Alter, Stärke und Schwäche werden ausgeblendet. Diesen Ansprüchen gegenüber steht  das Gefühl des Ungenügens und das Bedürfnis aus der Spirale von Selbstentfremdung und Konformität herauszukommen, sich selbst annehmen zu können, auch in seiner in seiner Begrenztheit, Unvollkommenheit, in seiner Stärke wie seiner Schwäche.

Meine Vorgehensweise ist erlebnis- und übungszentriert, durch die Ressourcen fördernde, belebende  Kraft des Tanzes, auch in Verbindung mit Malen und  Schreiben  als therapeutische Quergänge,  entsteht ein leiblicher Zugang zu  den persönlichen Themen. In einem geschützten Rahmen entsteht die Möglichkeit, sich selbst mit seinen Bedürfnissen intensiver als im Alltag möglich zu spüren. Ich rege an und unterstütze den Prozess, dass Bewegung von innen heraus und nicht willentlich gelenkt entstehen kann. Es entsteht Raum für „Geschehenlassen“, was möchte sich bewegen  und nicht, wie der Körper sich bewegen soll. Sich selbst bestimmt, authentisch in seinem Körper und in seiner Körpersprache zu erfahren, eröffnet im alltäglichen Leben eine Balance zu finden zwischen Tun und Lassen, Nähe und Distanz, Ja und Nein sagen zu dürfen.  Durch Interaktion, Spiegelung und Empathie in der Gruppe werden  neue Handlungsspielräume anvisiert und ausprobiert. Intention ist, Gefühlen, Bedürfnissen, Widerständen  Raum zu geben, im individuellen Lebenszusammenhang zu reflektieren und einzuordnen und in einem Prozess des inneren Wachsens zu bleiben.